Platos Ruh

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  • Platos Ruh
    Wir wandern im Geist auf der Landstraße von Bleckede nach Neetze. Nach ca. 20 Minuten fällt uns rechts am Weg ein Granitblock auf. Die Jahreszahl 1847 ist eingemeißelt. Graue Akazien und düstere Föhren umgeben den Platz, eine Bank lädt den Wanderer zum Sitzen ein. Mancher, der hier seine karge Mahlzeit eingenommen, ahnt nicht, wie der Stein hierher nach Platos Ruh gekommen ist.

    Der naßkalte Sommer 1847 hatte eine völlige Mißernte gebracht. Wenig Korn war geerntet, das Wenige war noch ausgewachsen. Beim Dreschen erhielt man kaum die Einsaat wieder. An Einfuhr aus anderen gegenden oder Ländern war damals nicht zu denken. Eisenbahnen oder Dampfschiffe hatte man noch nicht. Die Kornpreise stiegen ins Ungemessene. Oft war auch für gutes Geld nichts zu haben. Denn viele hielten ihre Vorräte auf dem Boden zurück, um später höhere Preise zu erzielen. Den Müllern wurde vorgeschrieben, kein reines Korn zu vermahlen, sondern geschnittenes Stroh zuzufügen: trotzdem wurden die Brote kleiner und die Preise größer. Wie wenig ein Brot für eine hungrige Familie ausmachte, davon nur ein Beispiel: Ein Schuhmacher vom lande hatte in Bleckede zu tun. "Vater, bring auch ein Brot mit", rief ihm seine Frau noch beim Fortgehen zu. Er kaufte ein Fünfgroschenbrot, band es in sein Taschentuch und machte sich auf den Heimweg.

    Unterwegs meldete sich der Hunger. Bekanntlich sitzen bisweilen "Auswüchse" am Brot. Unser Schuhmacher dachte: "Die können ruhig fehlen. Es bleibt doch noch ein ganzes Brot!" So langte er in sein Tuch nach einem kleinen Auswuchs. Er merkte nicht, daß ein Loch entstand. Als er wieder zuahuse ankam, hatte er noch nichts gemerkt. Jetzt trat er an die Haustür. "Vater, hast Du das Brot?" "hier ist`s", war die Antwort. Als er`s herreichen wollte, war`s verschwunden. Ohne es zu wissen, hatte er es ganz aufgezehrt und war - wie er nachher oft versicherte - nicht einmal satt geworden. Gott bewahre uns vor solcher teuren Zeit. Der geringere Mann war am übelsten dran. Der Lohn stieg nicht mit den Lebensmittelpreisen. Keiner wollte arbeiten lassen, niemand begehrte den Handwerker. Alle wollten sparen. Arbeitsmangel im weiten Umkreise!

    Da sorgte der erste Beamte in Bleckede - Verwaltung und Gericht waren damals noch nicht getrennt - für Arbeit. Die Regierung hatte Geld für Notstandsarbeiten bewilligt. Da ließ er den Bau der Lüneburger Landstraße beginnen. Weit kam man freilich noch nicht. Am Endpunkt der neu erbauten Strecke setzte man zur Erinnerung den Block und nannte den Platz nach dem Namen des Amtmannes "Platos Ruh".

    Besonders die Fuhrleute freuten sich des festen Weges, hatten es doch ihre Pferde leichter, wenn sie ihre schweren Frachten, Holz, Korn oder Waren nach Lüneburg zogen. Schon im Februar kamen die ersten Kornschiffe nach Lübeck oder Hamburg und die Preise fielen schnell. Mancher Geizhals sah sich in seinen Hoffnungen getäuscht. Aber, für das Volk kamen wieder bessere Zeiten.

    Quelle: Bleckeder Zeitung, 1952,
    Verfasser leider unbekannt.

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