"Metropolis" in der Kirche

  • Wir schreiben erst den 14.01.[lexicon]2007[/lexicon] und das erste "Kulturereigniss" des Jahres hat schon stattgefunden.


    Gestern Abend wurde in der Barskamper St. Vitus Kirche der Stummfilm Metropolis von Fritz Lang in der restaurierten Fassung von [lexicon]2002[/lexicon] gezeigt.
    Soweit nur eine kleine Sensation.
    Das aber vorher ein, wenn auch nur kurzer, Abendgottesdiest stattfand war für mich, als jemand der nicht (mehr) Mitglied der Kirche ist schon eine kleine Sensation.


    Das dann Vikar Schwarz auch noch den Leitsatz des Filmes Metropolis als leitende Worte in die Predigt einbaute fand ich schon bemerkenswert. "Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein"


    Ich fühlte mich seit langem mal wieder in der Kirche wilkommen.


    Nun, da hatte ich mich also mit der Teilnahme am Gottesdienst abgefunden, da kam das erste Lied und - schon wieder ein Augenöffner - gesungen wurde: "Weisst du wieviel Sternlein stehen..."
    Donnerwetter, das steht im Gesangbuch??
    [lexicon]Florian Fiechtner[/lexicon], an der Orgel, meinte wohl auf die grosse Anzahl der Sterne eingehen zu müssen und spielte das Lied etwas langsam, evtl. war es aber seiner Aufregung vor dem, meiner Meinung nach, grossen Ereignis dieses Abends geschuldet.


    Das letzte Lied im Gottesdienst war dann "Guten Abend, Gute Nacht" - erstaunlicher Weise auch im Gesangbuch der Kirche zu finden.


    Kurze Umbaupause in der Kirche, Getränke, Knabberkram, Wein, Bier, ...
    ja, an dieser Stelle habe ich schon den Mund nicht mehr zu bekommen. Sollte hier die Kirche zum lockeren Kinoabend rüsten??


    Weit gefehlt!


    Der Film, immerhin 80 Jahre alt, handelt von Menschen in einer utopischen Stadt, die in ihrer Gesellschaft brutal in oben (gleichgesetzt mit reich, beherrschend, strahlend und im Luxus prassend) und unten (gleichgesetzt mit unterdrückt, ausgebeutet, verarmt an Bildung und Kultur) geteilt funktioniert. Schon nach wenigen Minuten des Films hatte ich Anknüpfungspunkte in unsere Zeit und in unsere Kultur.
    Nicht alles was technisch machbar ist darf bedenkenlos umgesetzt werden. Der Mensch bleibt schneller in der Macht der Geister gefangen die er da gerufen hat, als es ihm lieb ist. Es bleibt die Frage nach der Verantwortung. Verantwortung übernehmen, für uns und unsere Mitgeschöpfe. Damals wie heute als Mahnung für jede Phase des menschlichen handelns.


    Fritz Langs Film war seinerzeit kommerziell ein Flop und brachte die Filmgesellschaft Ufa an den Rand des Ruins. Heute alledings gilt der Film "Metropolis" als wegweisendes Beispiel des expressionistischen Kinos.


    Und dann ?


    Ist ja ein Stummfilm...


    Nein, dieser Film wurde gestern neu interpretiert, und das ist (war gestern) die Sensation!


    [lexicon]Florian Fiechtner[/lexicon], Pianist und Komponist aus [lexicon]Bleckede[/lexicon], wagte sich an etwas heran, von dem jeder sofort sagen würde:


    "Metropolis, sie meinen doch den Film von Fritz Lang, oder?
    Metropolis, nach einem Abendgottesdienst?
    In [lexicon]Barskamp[/lexicon]?
    Neu vertont?
    Direkt mit der Orgel begleitet??


    Ist diese kulturelle Herausforderung nicht ein wenig zu gross für...??


    Nein, ist sie nicht!


    Es war genial!


    Ich kannte Stummfilme bisher nur mit der stets leicht plärrigen Klavierbegleitung. Die Orgel, speziell dann noch die Akustik einer Kirche machten aus einem Filmabend ein einzigartiges Erlebnis.


    Und dann die Komposition:


    Die Themen waren klar abgegrenzt spürbar, fühlbar. Jede Sequenz des Filmes wurde untermalt, betont, mitgestaltet, ohne das die Musik auch nur einer Szene den Platz genommen hätte. [lexicon]Florian Fiechtner[/lexicon] verlangte dem 150 Jahre alten Kircheninstrument alles ab was es zu geben im Stande war - und das war nicht wenig. In der Improvisation zwischen den klaren Themen wurde die Stimmung des Films getragen und weitergereicht. Man konnte teilweise die Augen schliessen, weil man wusste wie die Szene weitergeht, musste aber, um nicht eine Geste oder eine Haltung zu verpassen sofort wieder hinschauen. Der Klang der Orgel war überall, war aber nicht alles. Die ursprünglich nur zu göttlichem Lob, Preis und Ehr gedachte Klangfülle setzte dem Publikum durch alle Bänke nach. Zusammen mit den düsteren Bildern des Films, den teilweise ins Groteske übertriebenen Gesten der Schauspieler aus der Stummfilmzeit auf der Leinwand, gelang plötzlich etwas das ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.


    Der Funke sprang über. Metropolis, ein Stummfilm, wurde für mich zur sinnlichen Erfahrung!


    Ich war sprachlos.


    Zweieinhalb Stunden Film, eine kurze Pause in der Mitte, und ich war in jeder Minute von dem was da gestern geschah gefesselt.


    Nur diese Antwort: Bravo! Fichte!


    Gruß
    Grubert

  • Hallo Grubert,


    ich war leider verhindert. Ich wäre gern dabei gewesen. Deinen Ausführungen zufolge, war es ein echtes Highlight. Soll es vielleicht noch eine zweite Aufführung geben ?


    Gruß Heinzer

  • Moin,


    ich war leider in den vergangenen tagen stark eingespannt sonst hätte ich dieses Ereignis auch hier angekündigt.
    Die Sache war doch sehr spiziell. es waren ca. 80 bis 90 leute da. Obwohl der film mit der Musik von [lexicon]Florian fiechtner[/lexicon] auch in der LZ angekündigt wurde. Florian selber sagte, weil er zwischen den einzelnen Themen improvisiert hat würde eine weitere Veranstaltung auch wieder etwas anders ausfallen.


    Aber... es gibt einen Livemitschnitt aus [lexicon]Barskamp[/lexicon]. Man könnte dann eine solche Veranstaltung (Film plus Musik) auch aus der Konserve laufen lassen.


    Die Vorstellung aus [lexicon]Barskamp[/lexicon] kann man, meiner Meinung nach, nicht so einfach wiederholen. Die Stimmung an dem Abend war einfach einzigartig.


    Wer mehr über "Metropolis" wissen möchte kann dem nachfolgenden Link zu wikipedia folgen.


    Gruss
    Grubert

  • Moin,
    hier dann noch ein Bild, das hier mit freundlicher Genehmigung der Kirchengemeinde [lexicon]Barskamp[/lexicon] eingestellt wird.


    Nach dem Konzert überreicht Vikar Schwarz einen Blumenstrauss.


    -Was hier nicht zu hören ist ist der langandauernde Beifall.


    Gruss
    Grubert